Kein Kind darf Chancen verlieren, weil Hilfe zu spät kommt
Das Kinderchancengesetz ist die erste Säule des Gesellschaftsgesetzbuchs. Es beschreibt, wie Kinder geschützt, in ihrer Entwicklung unterstützt und an Entscheidungen beteiligt werden sollen.
Sein Ausgangspunkt ist einfach: Ein Kind darf grundlegende Entwicklungschancen nicht verlieren, weil Erwachsene einen Bedarf nicht erkannt haben, nicht handeln konnten oder notwendige Hilfe nicht erreichbar war.
Das Kinderchancengesetz ist Teil eines von UNSERSTAAT entwickelten Konzepts. Es ist kein geltendes oder beschlossenes Gesetz.
Das Kind steht im Mittelpunkt
Kinder sind eigene Menschen mit eigenen Rechten. Entscheidungen über Schutz, Bildung, Gesundheit und Entwicklung sollen deshalb nicht allein aus Sicht von Erwachsenen, Institutionen oder Verwaltung getroffen werden.
Mit wachsendem Alter, Verständnis und Entscheidungsfähigkeit soll auch die unmittelbare Beteiligung des Kindes wachsen. Schutz und Beteiligung gehören zusammen.
Früh erkennen, ohne zu überwachen
Kinder sollen Zugang zu guten Vorsorge- und Entwicklungsangeboten haben. Diese Angebote sollen helfen, Unterstützungsbedarf frühzeitig zu erkennen, bevor Schwierigkeiten dauerhaft Chancen einschränken.
Früherkennung darf jedoch nicht in pauschale Bewertung oder Überwachung übergehen. Auffälligkeiten sind keine Diagnose. Sie sollen zu einer fachlichen Abklärung führen können, nicht automatisch zu Eingriffen oder Zuschreibungen.
Ein allgemeines staatliches Entwicklungs- oder Risikoregister ist nicht das Ziel des Konzepts.
Hilfe muss tatsächlich ankommen
Wenn ein Kind Unterstützung braucht, soll diese zeitnah, fachlich geeignet und unabhängig von der finanziellen Leistungsfähigkeit der Familie erreichbar sein.
Es reicht nicht, Leistungen theoretisch anzubieten. Information, Beratung, Diagnostik, Förderung, Behandlung und Schutz müssen für Familien verständlich, bezahlbar, barrierefrei und organisatorisch erreichbar sein. Lange Wartezeiten dürfen nicht dazu führen, dass wichtige Entwicklungsphasen ohne notwendige Unterstützung verstreichen.
Vielfalt ernst nehmen
Kinder entwickeln sich unterschiedlich. Unterschiede in Sprache, Lernen, Verhalten, Wahrnehmung oder sozialer Entwicklung sind nicht automatisch ein Defizit.
Das Konzept nimmt insbesondere neurokognitive Vielfalt ernst. Autismus, ADHS und andere Besonderheiten sollen weder wegen Vorurteilen übersehen noch ohne fachliche Grundlage zugeschrieben werden. Unterstützung soll dem einzelnen Kind helfen, seine Fähigkeiten zu entfalten und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Anpassung um ihrer selbst willen ist nicht das Ziel.
Verantwortung gerecht verteilen
Sorgeverantwortliche tragen eine wichtige Verantwortung für Schutz, Versorgung, Bildung, Entwicklung und notwendige gesundheitliche Betreuung eines Kindes. Der Staat darf diese Verantwortung aber nicht einfach auf Familien abwälzen.
Wo Wissen, Zeit, Sprache, Gesundheit, Geld, Erreichbarkeit oder geeignete Angebote fehlen, soll zuerst Unterstützung organisiert werden. Das Kinderchancengesetz verbindet persönliche Verantwortung mit einer staatlichen Gewährleistungsaufgabe für die notwendigen Strukturen.
Unterstützung vor Sanktion
Wenn notwendige Leistungen für ein Kind nicht wahrgenommen werden, muss zuerst gefragt werden: Warum war das so?
Überforderung, Krankheit, wirtschaftliche Schwierigkeiten, Sprachbarrieren, fehlende Informationen oder nicht verfügbare Angebote sind keine Nebensachen. Sie können zeigen, dass Unterstützung fehlt. Staatliche Zwangsmaßnahmen sollen nur dann in Betracht kommen, wenn das Wohl oder die Rechte eines Kindes erheblich gefährdet sind und mildere geeignete Maßnahmen nicht ausreichen.
Daten schützen
Gesundheits-, Entwicklungs- und Diagnosedaten von Kindern sind besonders sensibel. Sie sollen nur verarbeitet werden, wenn dies für einen bestimmten und erforderlichen Zweck notwendig ist.
Mit zunehmender Einsichts- und Entscheidungsfähigkeit soll ein Kind mehr Kontrolle darüber erhalten, wie seine Daten verwendet werden.
Bildung für ein selbstbestimmtes Leben
Bildung umfasst mehr als schulisches Fachwissen. Kinder sollen schrittweise Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, die ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen: Kommunikation, soziale Kompetenz, Medien- und Gesundheitskompetenz, der Umgang mit Geld und Konsum, Kenntnisse der eigenen Rechte sowie die Fähigkeit, Hilfe zu suchen und anzunehmen.
Verpasste Hilfe darf kein Dauerurteil sein
Nicht rechtzeitig erkannter oder erfüllter Unterstützungsbedarf darf nicht dauerhaft über das weitere Leben entscheiden. Wo es fachlich sinnvoll ist, sollen Förderung, Bildung und Unterstützung später nachgeholt werden können.
Der Übergang in die Jugendphase soll bestehende Unterstützung nicht allein wegen eines Alterswechsels beenden. Das +1 Übergangs- und Zusammenspielgesetz des GGB soll solche Übergänge ohne Lücken verbinden.
Qualität und Schutz vor Fehlentwicklungen
Vorsorge, Diagnostik, Förderung und staatliche Programme müssen fachlich begründet sein. Ihre Wirkung, mögliche Fehlwirkungen und ihre tatsächliche Zugänglichkeit sollen regelmäßig überprüft werden.
Unwirksame, diskriminierende oder unverhältnismäßige Verfahren müssen verändert oder beendet werden. Das Konzept verbindet damit frühe Unterstützung mit dem Schutz vor Überdiagnostik, unnötigen Eingriffen und unverhältnismäßiger Kontrolle.
Das Kinderchancengesetz im Detail
Wenn Du dich für das Gesetz im Detail interessierst, kannst hier die komplette Fassung lesen.


